»Cast a cold eye, on life, on death, horseman, pass bye!
(William Butler Yeats)
Auf Anhieb treten sie heraus aus dem eifrigen Parlando der gegenwärtigen Lyrik: sie bleiben positioniert, die Gedichte der Vera Schindler-Wunderlich. Weite Horizonte, phantastische Meere, Himmelserkundungen, submarine und erdverbundene Sammelsurien stürzen ins Logbuch der Schreiberin. Ihre Belange verschiffen ausgehorchte Worte in einen Strom von Sprache – mehrspartig, farbhörig, spielbar. Vom uralt Mythischen bis ins Alleralltäglichste – alles kann hier hineingeraten in den Fluss, dessen Lottiefe von dieser Sprech-Sängerin genau ausgemessen wird.
Dies ist ein Abstandszimmer im Freien. Vera Schindler-Wunderlich hat das Auge einer Dichterin, das Abstandsauge; sie ist eine im wahrsten Sinne des Wortes nach Strich und Faden, nach Komma und Semikolon versierte Protokollführerin. Erinnern und Schönheit liegen im Auge der Betrachterin und manchmal spiegelt sich in feiner Ironie die Welt zurück. Ich falle Jahrtausende. – Antike wie Amtsstube; Biblisches wie Beziehungsbewandtnis; Messianisches wie Morgendliches Beginnen – diese Lyrikerin lässt sich aufschreiben von der Komplexität ihres Bewusstseins, hinein in eine barocke Fülle scheinbar leichtläufig gewordener Dinge; die weben ein großes Loch zusammen; das ist das Loch, in dem wir denken. Plötzlich auch von dort unten – jahrhundertelang hieß das de profundis – gelingt ihr eines der für mich überraschendsten Gedichte dieses Buches: das überaus erstaunliche Ich knüpfe mich an dich.
Ein reiches Protokoll voller Entdeckungen, Wendungen; eine Tages- und Nachtmeerfahrt, die in ihrem phantastischen Mut – und in ihrer Gelehrtheit, Klugheit, gedanklichen wie sprachlichen Präzision – heftig erfreut.
Cast a cold eye – weniger Dichtergottstrenge waltet im Auge dieser Poetin; bisweilen auch blickt es – hohe Kunst ihrer Lyrik! –: freundlich.«