Lioba Happel, Nachbemerkung zu «Langsamer Schallwandler», Seite 101

Vera Schindler-Wunderlich hat bisher zwei sehr beachtete Lyrikbände vorgelegt mit Gedichten, die sich ähneln in ihrem starken lyrischen Duktus. Nun hat sich ein Schallwandler in ihre Poesie hineingeschoben, es ergibt sich ein neuer Ton.

Die dezidiert und sicher gesetzten Überschriften ihrer Gedichte klingen, als würden sie noch einmal ins Visier holen wollen, was in der Lyrik einmal so selbstverständlich, auch schön war: Vom fernen, glücklichen Fest, Mittlere Brücke, Nicht umkommen wollen im April, Das Maß des Gießens. Dann stoppt sie, die Lyrik, beinahe sofort, oder mittendrin; lässt Rufe hören; befragt, «wie bitte?»; schleust echte und fiktive Zitate ein. Etlichen der hier vorgelegten Texte, ob im experimentellen oder im eher vertrauten Stil gehalten, liegt etwas zugrunde, was schon früher bei der Dichterin anklang: eine feine Selbstbefragung der Zeilen.

Immer wieder neu zu begehende Textlabyrinthe entstehen so, sei es über Alltägliches, sei es über Abgründiges.

Immer wieder fügen sich, wie schwimmende Rosen auf einem Teich, Teile von grosser poetischer Schönheit zusammen, «Sprechbett, Bachbett» … «O die Wolfsquinte» … «Wie wenn es um Minne ginge» […] Vollmundworte sind das nicht, aber überraschende, hochpoetische Wendungen, die einem nicht mehr aus dem Sinn gehen. […]