»Das Abstandszimmer eröffnet den Lesern ein wunderbares Abstandszimmer, das gleichzeitig von jener feinstrukturierten permeablen Haut geschützt wird, die gute Gedichte gegen den Blablastrom aufspannen – und dabei dennoch offen bleibt für weite Ausblicke.
Besonders intensiv ist im ersten Teil des Buchs die Dringlichkeit des Sprechens (Sprechen-Müssens) zu spüren, wo das Ungenießbare und Unbeantwortbare – Gewalt und Ignoranz, zwischenmenschliche Differenzen, sogenannte ›Gesellschaftskrankheiten‹ – angefasst werden, auch und grade weil sie ans Nicht-Fassbare, Ungeheuerliche grenzen.
Eindringlich zeigt hier z.B. die immer wieder auftauchende Er-Figur eine Verschiebung der Wahrnehmung im Alter und den Versuch, in einem zerfallenden Universum durch Kombinatorik und selbstgeschaffene Ordnungssysteme ›ganz‹ zu bleiben.
Die Sprache der Gedichte spielt elegant mit verschiedenen sinnstiftenden Modellen. Mit ihren Wort-Architekturen und Zahlenreihen lässt sie immer auch wieder den Rand des Sprechbaren aufschimmern: Bis dahin reicht das, aber dann … Und selten (im Sinn von ›unhäufig‹ und ›wunderbar‹) gibt es Anlehnungen an christliche Motive.
Auch die Übersetzungen des Partnerlebens, seiner Kippmomente und Neigungswinkel, sind fein beobachtet, studiert sozusagen. Mit ihrer ebenso reichhaltigen wie präzisen Sprache stellt Vera Schindler-Wunderlich hier Intimität her, ohne sie dabei auszustellen.
Schließlich wird beim Lesen auch die Lust geweckt, sich den Lautverschiebungen hinzugeben, die einen oft schwung- und klangvoll in eine neue Wende des Denkens tragen.«